Blog Vorbemerkung

Die Blogartikel spiegeln fast fünf Jahre Gegenwartsreflexion aus kairologischer Perspektive wider. Immer wird versucht, zum historischen Kairos vorzustoßen. Die Frage war also: Was hielten die aufgegriffenen Persönlichkeiten jeweils für ihr Optimum? Wie glaubten Sie, am stärksten ihrer Berufung und der größten historischen Kraft zu folgen? Natürlich spielen immer auch Charakterzüge, Umstände, Machtbedürfnisse, taktische Überlegungen, Zufälle eine Rolle, aber im Kern ging es allen um mehr, nämlich um ein Handeln, das sie für innerlich notwendig hielten. Bis zu diesem Punkt vorzudringen, wo es um Sinn ging im Hier und Jetzt, war unser Anliegen. Nehmen Sie die Texte als Anregung und Hilfe dafür, kairologisches Verstehen besser zu verstehen.

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Richard von Weizsäcker, am 31.1.2015 gestorben, ist ein herausragendes Beispiel für das Potenzial, das jenes Generationsfeld enthielt, das die „Offene Gesellschaft" anstrebte. Geboren 1920, gehörte er zur vierten Schichtung. Sein Horizont war die größtmögliche Einheit in der Vielheit eigenständiger, freiheitlicher Bürger. Nicht umsonst erhielt er den bezeichnenden Titel „Bürgerpräsident". Er lebte eine ehrliche, persönliche, an den Tatsachen orientierte Ethik und Politik. Diese persönliche Verantwortung und Würde stellte er über Partei und Verträge. Daher ließ er sich von keinem Lager vereinnahmen, sondern sah sich immer zuerst seiner persönlichen Einsicht und Handlungskraft verpflichtet. Er forderte die Politiker immer wieder dazu auf, ein „Beispiel zu geben" für das offene Miteinander. Diese persönliche Würde und Offenheit fand seinen besten Ausdruck in seinem Schreiben und Reden, das stets geschliffen, edel, feinsinnig und nie verletzend war. In seinem Handeln repräsentierte er das Handeln aller Gutwilligen, betonend, dass es „keine endgültig errungene moralische Vollkommenheit" gebe. In diesem Sinne sprach er am 8. Mai 1985 etwas aus, mit dem er in und außerhalb von Deutschland die größte ihm mögliche Resonanz erzeugte: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung." Ein großartiger Stern am geschichtlichen Himmel des okzidentalen Systems hat seinen historischen Kairos vollendet.

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Gabriel hat am 23. Januar eine Diskussionsrunde mt Pegidaanhängern und –gegnern in Dresden besucht. Er sagte in der Diskussion selber nichts, redete aber danach mit den Menschen, die dabei waren. Dass er damit seine Generalsekretärin brüskierte und auch viel Lob von der falschen Seite bekommen würde, hat er sicherlich mit seiner Erfahrung gewusst. Er nahm es in Kauf – warum?
Kairologisch scheint das ein klassischer historischer Kairosmoment zu sein. Er offenbart, worauf es einem ankommt, was sich bei jemandem zwischen Input und Output abspielt, welche Wertigkeit etwas hat und wo er insgesamt gerade steht. Für fast jeden Politiker lassen sich solche historischen Kairosmomente nachweisen, in denen der Sinnkern deutlich erkennbar aufleuchtet. Man denke z.B. an den Punkt, an dem Helmut Kohl sein Ehrenwort über das Gesetz stellte, an den Abschiedsbrief von Helmut Schmidt für den Fall eines RAF-Kidnappings oder daran, mit welcher Hingabe Angela Merkel alle Regierungschefs der EU auf die Lissaboner Erklärung einschwor. In unterschiedlicher Weise zeigten sie, welcher historische Kairos über ihnen wie ein Bethlehemsstern stand und zu welchem Opfer sie dafür bereit waren, um ihrem Stern bis zum Ende zu folgen.
Wo steht Gabriels Stern und aus welcher Perspektive schaut er gerade darauf? Für Gabriel ist Politik ein polares Geschehen. Die auffallende Harmonie der großen Koalition wird wesentlich getragen von einer doppelten Führungsspitze der SPD (Gabriel, Steinmeier), die zum historischen Feld der zweiten Schichtung einer Beziehungsgeneration gehört, also zu den Jahrgängen 1955 bis ca. 1961/62. Deren historische Kairosposition lässt sich sehr genau bestimmen. In Gabriel hat seine Ausstrahlung in der aktuellen Kairos-Lebensphase bereits eine große Ganzheit erreicht. In diesem Fall zeigt sie sich in der Kraft und in dem Bedürfnis, direkt (wenn auch nur symbolisch) mit den Menschen (auch der Pegidabewegung) ins Gespräch zu kommen. Die Ganzheit seiner Politik besteht aus den beiden Polen „SPD" (mit all ihren politischen Grundsätzen und all ihrer Parteigeschlossenheit) und „Bürger" (mit all ihren aktuellen Sorgen, Empfindungen, Gedanken). Wie er in der eigenen Partei unterscheidet zwischen der Organisation und den Menschen, so auch bei Pegida. Das Optimum liegt für Gabriel in der Resonanz beider Seiten. In diesem Sinne sah er die Notwendigkeit, ein Zeichen zu setzen.
Damit konfrontiert Gabriel bewusst die Gesellschaft mit der in ihm ausgereiften Weltanschauung und testet zugleich, wen diese Position anspricht. Ergebnis: Die Funktionäre sind düpiert, 80% der Emails aus dem Volk, die in der Parteizentrale ankommen, sind positiv.

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So der Wunsch in einem Kalender zum 1. Januar. Dieser dreifache Wunsch ist uns allen wohlvertraut. Weiß auch jeder, wie schön gestrickt er ist?

Die drei Aspekte repräsentieren recht gut die drei Entfaltungsebenen des Menschen.

„Gesundheit“ heißt im Kern, in Resonanz zur Natur zu bleiben, im Miteinander des Schwingens von Zellen, Organen und Kräften. Das gilt übrigens genauso für gesunde Beziehungen. Wo Stau, Verhärtung, Abspaltung entsteht, führt es früher oder später zu Krankheiten, Zusammenbrüchen, körperlichen und menschlichen Geschwüren.

„Glück“ ist eine sehr persönliche Erfahrung. Es ist im Geiste das JA zu der Welt, die wir erfahren. Glück ist nicht ein Etwas, sondern eine positive geistige Beziehung zur Wirklichkeit. Glück hat, wer etwas für Glück nimmt. Am glücklichsten ist der, der seine Welt in all ihren Dimensionen bejahen kann.

„Erfolg“ steht für die Lebensentfaltung. Wer etwas realisiert, was für ihn oder sie bedeutungsvoll ist, hat Erfolg. Erfolg hat immer auch etwas mit Widerständen und Durchsetzungskraft zu tun – und mit dem Horizont, in dem ich handle. Zugleich besteht die Gefahr, Erfolg im Leben mit Lebenserfolg zu verwechseln. Dazu meinte schon der gefeierte Schriftsteller Aldous Huxley: „Nichts verleitet so leicht zum Aufgeben wie Erfolg.“

Was trägt wann meine Gesundheit, mein Glück, meinen Erfolg? Das ist für mich dann die Frage nach meinem Kairos. Er bringt alles in die Balance, wenn wir uns darauf einlassen. In diesem Sinne uns allen „Gesundheit, Glück und Erfolg für 2015.“

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Was wünschen Sie sich: Erfolg im Leben oder Lebenserfolg? Im ersten Fall geht es um die „Sache" Erfolg, für die Sie Ihr Leben benützen. Dafür ist das gewöhnliche Zeitmanagement da. Es endet nicht selten im Burnout. Im zweiten Fall geht es darum, dass Ihr Leben selbst zum Erfolg wird.

Niemand muss auf der „Höhe der Zeit" sein. Man sollte sich aber auch nicht wundern, wenn einen eine neue Welle unter sich begräbt, während ein anderer mit Spaß darauf surft. Die historischen Wellen kommen gemäß der Logik des historischen Meeres. Wellen lassen sich nicht wegreden. Man kann nur sie und das dazugehörige Meer bewältigen. Wer ein Schiff durch die Wellen der Gegenwart zu steuern hat, der sollte möglichst auf dem aktuellsten Stand der Navigation sein.

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Auf dem Markt gibt es inzwischen auch Uhren, die „Kairos" heißen. Aber es gibt noch keine echten Kairosuhren. Diese gibt es nur bei uns.  Seit 2015.  Sie zeigen erstmals eine Zeit an, die bisher dem subjektiven intuitiven Erleben vorbehalten war: die Zeitdynamik des Menschen.

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Was für das 17. Jahrhundert die kunstvoll arrangierte Kleidung, das gepuderte (und damit schon sichtbar über-natürliche) Gesicht und die zum Teil mehrstöckige Perücke war, das ist für uns die Präsenz im Internet. Der äußeren Form nach käme niemand mehr auf die Idee, sich mit dem Barock zu vergleichen. Und doch sticht die Analogie sofort ins Auge, wenn man auf den tieferen Vorgang schaut. UNSERE höfische Gesellschaft präsentiert sich einander in den öffentlich zugänglichen „Höfen" des Internets. Man schaut einander an auf den Promenaden der verschiedenen Gruppen, zu denen man gehört. Man kommuniziert in der seltsam distanzierten Etikette des Internets. Die Schneider, Parfümierer, Friseure heißen heute IT-ler. Sie sind hochangesehene Handwerker und sehr damit beschäftigt, uns vor dieser Öffentlichkeit nach strengen technischen Vorgaben zu präsentieren.

Den Älteren fällt es vielleicht noch schwer, sich in dieses Korsett der website zu pressen, aber für die meisten Jüngeren ist es selbstverständlich. Man stolziert lieber durch Webräume, als sich in der realen Natur menschlichen Lebens aufzuhalten. Man schreibt lieber E-mails und chattet statt sich persönlich zu zeigen. Die neue Gesellschaftsordnung zwingt noch die letzte Firma zum Internetauftritt, also zur ständigen Präsenz an einem Hof, dessen Monarch kein Gesicht mehr hat.
Auch wir entziehen uns diesem geschichtlichen Schauspiel nicht. Auch wir präsentieren uns (entsprechend der aktuellen Mode), benützen die üblichen Internet-Staffagen, kommunizieren, vernetzen uns, promenieren.

Und doch wird an dieser Betrachtung etwas aufgefallen sein. Eine gewisse Distanz und Ironie. Als ob es ein Spiel sei, ein großes Theaterstück. Aber klingt unsere Rede verzweifelt, wie wir sie bei einem Albert Camus antreffen? Nein. Der Zyniker sieht das Spiel und hält es für sinnlos, der Ironiker sieht darin ein sinnvolles Spiel – und lächelt.

 

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Der schon ältere Kurzfilm "Hoch 10" (Youtube) zeigt etwas Bemerkenswertes: die Perspektive, die wir gegenüber unserer Wirklichkeit gewöhnlich einnehmen, liegt genau zwischen der größt- und kleinstmöglichen. Im Film ist eine kleine Familie bei einem Picknick auf einer Wiese bei Chicago zu sehen – erst aus einem Meter Entfernung, dann aus 10, 100, 1000 ... bis hin zur Dimension 1024 Genauso werden die immer kleineren Dimensionen bis zur Ebene 10-16 abgebildet.

Wir wissen, dass auch die Zeit viele Dimensionen hat. Jeder Termin umfasst mindestens fünf von ihnen: Jahr, Monat, Tag, Stunde, Minute. Es hat lange gedauert, ehe all diese Dimensionen entdeckt und geistig erobert waren.

Wir wissen noch mehr. Genau genommen ist es ein spezifisch abendländisches Bewusstseinsnetz, in das wir nach diesen Mustern jedes Ereignis einordnen. Wir nehmen das nicht so wahr, weil uns  solche Raum- und Zeitbeschreibungen als „objektiv" vorkommen. Natürlich können wir sie nachweisen. Wir übersehen, dass es für unsere Kultur wichtig war, genau mit einer solchen Objektivität zu arbeiten. Jede Kultur aber hat ihre eigene Zeit- und Raumordnung entwickelt. Daher ist die wichtigere Frage: Nach welcher Logik funktioniert eine Kultur, die so und nicht anders wahrnimmt? Was hat dies mit dem Werden jedes Menschen zu tun? Warum haben wir aus den vielen Möglichkeiten, unseren Lebenslauf und den gemeinsamen Weg zu ordnen, gerade diese ausgewählt? Seit wann und wie lange haben diese Dimensionen Bedeutung? Wer oder was also setzt unseren „Objektivitäten" ihre Zeit, ihre Überzeugungskraft, ihren geschichtlichen Raum?

Wenn wir Silvester 2014 feiern, glauben wir zu wissen, wo wir im Ganzen stehen. Aber sowohl die Angabe „nach Christi Geburt" als auch die Zahl selbst (vgl. H. Illig, Wer hat an der Uhr gedreht?) ist unsicher. Wir pflegen eine Konvention, mehr nicht. Umso mehr stellt sich die Frage: Wo stehen wir wirklich in der Geschichte? Darauf antworten wir gewöhnlich Wir können unsere menschliche Geschichte nur so erkennen, wie sie eben jeweils erkannt wird. Wer heute Goethe analysiert, bringt nichts anderes als seine – natürlich objektivierte – Perspektive. Damit aber sind wir auf diesem Gebiet nicht weiter als das Mittelalter, das glaubte, unsere eigene Erden-Sicht auf den Kosmos sei die einzig mögliche.

Wer diese Selbstverständlichkeit bedenkt, sieht sogleich, mit welcher Skepsis die Kairologie konfrontiert ist. Denn sie sagt: Wir können objektiv wissen, was der 1. Januar 2015 für jeden im Ganzen bedeutet. „2015" ist eine Chiffre für einen ganz bestimmten „Ort", den jeder von uns in einem menschlichen Kosmos einnimmt. Der „Ort" bezeichnet eine Konstellation schöpferischer Beziehungen, die für jeden den optimalen „Möglichkeitsraum" bestimmen. Er sieht bei jedem naturgemäß etwas anders aus, aber er ist bestimmbar.

Vielleicht wird man eines Tages einen Film drehen, in dem ein Mensch, der in einem Cafe sitzt, in seinen verschiedenen Kreativzeitdimensionen dargestellt wird. Und die Betrachter werden darüber staunen, dass der menschliche Kosmos mit seinen über 100.000 Jahren, Tausenden von Generationen, Hunderten von Kulturen und Hochkulturen so präzise auf einen 35jährigen Mann zu beziehen ist, der hier und jetzt in einem Cafe sitzt.

© Dr. Karl Hofmann

 

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