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Deutschland wählt am 24. September. Kairologisch haben wir nicht die Aufgabe, Wahlergebnisse vorherzusagen. Sie hängen von vielen Faktoren ab. Uns kommt es darauf an, die maßgeblichen Persönlichkeiten tiefer zu verstehen. Was lässt sich in Kürze zu Angela Merkel und Martin Schulz sagen?

Die Bundeskanzlerin (geboren Juli 1954) steht am Ende der ersten Schichtung einer Beziehungsgeneration. Sie hat mit ihren 63 Jahren die Zeit der persönlichen Selbstentfaltung schon seit fünf Jahren ausgeschöpft und befindet sich gerade am Ende des siebten Lebensquants der 10. Lebensphase. Vor 12 Jahren hat sie sich die Macht erkämpft, vor 8 Jahren hat sie diese vernünftig mit der FDP geteilt. Schon vor vier Jahren startete sie ihre Koalition mit der SPD aus einer Position der Ruhe und persönlichen Überlegenheit heraus.

Inzwischen ist genug erwiesen, dass sie ihr politisches Handeln nicht einfach als Funktion von Prinzipien versteht. Sie orientiert sich vielmehr an der möglichen geistigen Beziehung, die sich zwischen den Prinzipien, an die sie glaubt, und den Menschen, wie sie sich verändern, herstellen lässt. Sie hat den Fall Fukushima hergenommen, um aus der Atomkraft auszusteigen. Damit nahm sie ihren Gegnern ein wesentliches Anliegen aus der Hand. Sie erkannte hier ein allgemeines Bedürfnis, auch wenn die praktische Umsetzung dieser Kehrtwende bis heute nicht endgültig geklärt ist. Sie hat selbst beim Thema Migranten die SPD rechts liegen gelassen. Und schließlich hat sie den Schachzug der linken Parteien mit der „Ehe für alle“ raffiniert ausgekontert, sodass er politisch nach hinten losging. Denn das Thema ist jetzt kein Grund mehr, sich nach der Wahl einer Koalition mit CDU/CSU verweigern zu müssen.

Wie ist Merkel zu verstehen? Stets ist ein Dreifaches zu bedenken: Sie vertritt, erstens, geistig bestimmte Prinzipien. Ihr zweiter Pol sind die Menschen, wie sie in ihrer Dynamik einfach sind. Schließlich stellt sie in ihrer Person zwischen beiden Seiten eine Beziehung her, die sich in einem bestimmten Verantwortungsbewusstsein zeigt. Die daraus hervorgehenden Zielsetzungen sind ihre eigentliche kreative Leistung.

Warum schadet es Merkel nicht, dass sie wiederholt ihre Positionen wechselt? Weil bei ihr die Menschen den Grund eher darin sehen, dass ihr im Zweifelsfall das Wohl des Ganzen wichtiger ist als die Programmatik ihrer Partei, das Wohl Europas wichtiger als Deutschland, das Wohl der globalen Schicksalsgemeinschaft wichtiger als Teilinteressen. Daher hat die Strategie der SPD, ständig an diesen Wandel zu erinnern, nur geringen Erfolg. Das geht auch aus politologischen Untersuchungen an der Mannheimer Universität hervor.

Es träumen manche jetzt auch in Deutschland von einem Neuaufbruch. An Frankreich (Macron) und Österreich (Kurz) sieht man gegenwärtig, wie das aussehen kann. Beide können, wenngleich auf sehr unterschiedliche Weise, ein Stück weit einen solchen Neuaufbruch repräsentieren; denn beide gehören bereits zu einer entsprechenden neuen Kairos-Generation.

Gleiches gilt nicht für Martin Schulz (geboren Dezember 1955). Er gehört an den Anfang der zweiten Schichtung der vorhergehenden Beziehungsgeneration. Schulz kann überzeugend reden. Er kann mit seiner Authentizität im Augenblick ein starkes Wir-Gefühl erzeugen. Aber er ist weder ein Universalist wie Merkel noch ein Programmatiker wie Willy Brandt noch ein Tatmensch wie Gerhard Schröder. Er ist auch kein glaubwürdiger Vertreter der Rot-Rot-Grün Option. Er hätte vielleicht eine Chance, wenn sich im Sommer ein wirtschaftlicher Absturz ereignet hätte. Danach sieht es im Augenblick nicht aus.

Sollte am Ende keine große Koalition herauskommen, würde das der SPD mittelfristig am meisten helfen, sich neu zu profilieren. Man erinnere sich einfach an die FDP.

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