guten-abend.jpg

„Hat den Westen Abstiegssehnsucht erfasst?“ So fragte schon vor sechs Jahren die Landeszeitung aus Lüneburg. Es brauche, so meinte sie, „Politiker, die der epidemisch um sich greifenden Europa-Müdigkeit mitreißende Visionen entgegenzusetzen verstehen.“ Griechenland und die „Weltfinanzmärkte“ waren damals das Hauptproblem. Wir sind zweifellos weiter. Wir haben Trump und den Brexit. Wir nehmen erschreckt wahr, dass der Chefberater des amerikanischen Präsidenten gar von einer Revolution spricht, derer die Welt bedürfte. Wir fürchten Erdogan, Le Pen und Wilders. Was erwartet uns noch?


Aus meiner Sicht genügt es nicht, diese Lage „geopolitisch“ zu betrachten; denn so setzen wir zwar sachliche Faktoren in Relation zueinander, nicht aber die energetischen Zeitfaktoren. Kairologisch wäre zuerst das ganze System in den Blick nehmen und darin der historische Standort zu bestimmen, ehe sich die längerfristige Dynamik, die sich gerade so fokussiert, tiefer verstehen lässt. Das können wir hier nicht leisten.
In dieser Perspektive lassen sich aber in der Gegenwart immerhin drei Bewegungen mit einer gewissen Eigenständigkeit unterscheiden. Die Bewegung des Geistes, des Lebens, der Geschichte.
Wir sind technologisch im Sinne der Aufklärung über die wahre Wirklichkeit der Welt immer noch am Aufstieg. Vergleichen wir die Entwicklung mit dem Turmbau eines gotischen Münsters, so bewegen wir uns gerade auf den Punkt zu, an dem alle Verstrebungen sich vereinen. Die Konstruktionsteile sind filigran, die Arbeit damit schwindelerregend. Schon wachsen Telefon, Fernseher, Radio, Navigator, Zeitung, die Welt persönlicher und beruflicher Beziehungen zusammen. Zuletzt werden wir aus einem Punkt heraus mit allem „live“ in Beziehung sein können.
Gleichzeitig sind die historischen Lebenskräfte des Westens am Abstieg. Der historische Resonanzkörper der Menschen und Gemeinschaften schrumpft. Auf Globalisierung folgt die Reaktion der Nationalisierung. Die Zellen des Gesellschaftskörpers vereinzeln, die Reproduktion lässt nach, ebenso die Bereitschaft, sich für ein größeres Ganzes zu verschwenden. Die gemeinsamen Projekte, die durchsetzbar sind, werden immer kleiner. Die Bedeutung des weltpolitischen Einsatzes mit all den finanziellen und militärischen Opfern lässt sich immer weniger vermitteln. Offenheit setzt Optimismus voraus. Bei den maßgebenden Schichten der Gesellschaft ist davon nicht mehr viel da.
Ein drittes ist zu bedenken. Wir erkennen immer mehr, wie sich eine neue welthistorische Spannung abzuzeichnen beginnt. Die vorhergehende Spannung hatte in den Weltkriegen geendet. Der kalte Krieg war die Form, in der sie ausklang. Jetzt ist bereits die zweite von fünf Generationen mit der letzten Spannung beschäftigt, die aus dem westlichen System selbst hervorgeht und die es noch ein allerletztes Mal nur mit sich selbst austragen muss. Das System ist aus einer bestimmen Verbindung von Geist und Leben entstanden. Diese ist innerlich wieder am Zerfallen, so dass zwischen diesen beiden Polen ein endgültiger gewaltiger Kampf ausgetragen wird, dessen Motto allmählich immer mehr Beteiligten bewusst wird: Geld oder Leben. Die Schuldenberge sind die Zeichen für die Berge an Hoffnung, die seit zwei Generationen aufgetürmt werden. Sie sind verbrauchte Zukunftskraft. Jene, die sie über entsprechende Verbriefungen verwalten und darüber verfügen, erkennen die Schwäche derer, die sie unterschrieben haben – nicht nur Einzelner, sondern ganzer Staaten – und erpressen diese nun.
Kairologisch lässt sich ein spannendes Phänomen beobachten. Die EU gerät in die gleiche Lage wie die protestantische Union vor knapp 400 Jahren. Als die gegenreformatorisch gestärkte katholische „Liga“ sie angriff, zerbrach Schritt für Schritt die gegenseitige Bündnistreue. Erst fremde Hilfe (damals Frankreich und Schweden) rettete sie vor dem sicheren Untergang – aber um welchen Preis! Wie es damals dem lutheranischen Sachsen noch eine gewisse Zeit gut ging, während das hussitische Böhmen brannte und die Kurpfalz „katholisch“ verteilt wurde, so brennt es heute bereits an den Rändern der europäischen Gemeinschaft, werden immer größere Konzerne von Investmentbanken und - fonds ausgeschlachtet, während Deutschland immer noch mit den großen Kapitalbesitzern schöne Geschäfte macht.
Was meines Erachtens not tut, ist eine historische Aufklärung über das, was überhaupt abläuft. Die Predigten von den Kanzeln der Medien sind fromm, klug, wortgewaltig, aber zuletzt verwirrend. Von seinem Ausguck sieht jeder etwas anderes und hält anderes für wichtig. Das hilft den Führungskräften wenig, weil sie nicht Perspektiven, sondern Wissen über die realen Wahrscheinlichkeiten brauchen. Der Leser, das Gemeindemitglied der Gegenwart, verlangt nach seiner täglichen Ausdeutung der Realität. Damit entsteht zwar ein vielfältiges Gemeindebewusstsein, aber kein Einheit stiftender Wille. Wer ihn haben soll, muss sich seiner Sache objektiv gewiss sein. Das aber geht nur, wenn die Entscheider mehr erkennen als das Volk, nämlich die wahren Chancen des JETZT innerhalb des ganzen historischen Systems.

Submit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn

Newsletter

Verpassen Sie nicht interessante Neuigkeiten. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Kontakt

Vernetzung

Folgen Sie uns in den sozialen Netzwerken Facebook und Xing