Wer so alt wird wie Schmidt, dessen Leben ist schon längst in allen Facetten beschrieben und analysiert worden. Ein farbiges, differenziertes Bild begegnet uns. Was aber gab diesem Mann seine innere Einheit?

Seine preußischen Tugenden, seine soldatische Prägung, sein Studium von Popper und Marc Aurel? Es drängt sich die Frage auf: Prägt den Menschen überhaupt irgendetwas automatisch? Oder zählt nicht zuerst, wer für was wann offen ist? Wie kann jemand ganzheitlich Sinn, d.h. eine innere Einheit des Ganzen, wahrnehmen? In welchem Verständnis-Raum lebt einer und wie entfaltet sich im Leben diese Art von Beziehung zur geschichtlichen Wirklichkeit? Kairologisch geht die Kraft dafür dem Bewusstsein und Handeln voraus. Alles prägt nur innerhalb des „Formats“, das einer hat. Er selbst, viele andere, Gene und Umstände formen die äußere Gestalt mit.

Die Nachrufe arbeiten ohne ein Wissen um dieses Format und daher erlaube ich mir, ein paar wenige Phänomene dieser herausragenden Persönlichkeit aufzugreifen und zuzuordnen.

1962: Flut in Hamburg. Der 43-jährige Innensenator zeigt erstmals öffentlich seine Situations-Vernunft. Er überschreitet die Grenzen seiner Kompetenzen und auch der geltenden Gesetze und rettet auf diese Weise viele. Der Erfolg gibt ihm recht.

1974: Mit 55 Jahren in Lebensphase 9 wird Schmidt Bundeskanzler. Sein Gestalten erhält eine umfassendere Sinngestalt.

1977: Der 58 -jährige, als Persönlichkeit nun ganz ausgereift, wird auf Leben und Tod von der RAF herausgefordert. Nun handelt er nach der Maxime: Der Staat als „offene Gesellschaft“ ist bedeutsamer als ich oder du. In diesem Sinne opfert er den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, wie er genauso für sich selbst (und seine Frau Loki) für den Fall von Kidnapping die Botschaft hinterlegt hatte, man dürfe ihn nicht austauschen. Er nimmt es bewusst auf sich, sich hier in Schuld zu verstricken. Auf dieser Basis kann er sich dann später auch mit der Familie Schleyer versöhnen). Hier erreicht, so scheint es, sein Leben des historischen Kairos seinen Zenit.

1982 NATO-Nachrüstung. Die an der nüchternen Analyse der Realität orientierte Gewissensbildung steht für Schmidt höher als die Parteiräson. Hinter seiner Auffassung als Bundeskanzler stehen zuletzt nur wenige in der SPD – und dennoch bleibt er seiner Partei treu, genauso wie seinem Hamburger Umfeld. Er ist nur „Außer Dienst“. Während ein Schröder mit dem Amtsverlust sich auch komplett aus der Politik zurückzieht (und sich Beraterdienste teuer entgelten lässt), bleibt Schmidt seiner inneren Verantwortung treu – faktisch bis zum letzten Tag seines 96-jährigen Lebens. Er verhält sich hier nicht anders als vor ihm Herbert Wehner, Franz-Josef Strauß oder Richard von Weizsäcker.

Bezeichnend für seine Art, die Wirklichkeit der Mitmenschen wahrzunehmen ist auch, wie er eines seiner Erinnerungs- und Reflexionsbücher betitelt: „Weggefährten“. Er schildert darin seine Wahrnehmung der Leistungen und Haltungen jener, die mit ihm in der „Gefahr“ der geschichtlichen Lage, einander benötigend, unterwegs sind. Treu hält er zu jenen, die für ihn verlässlich sind. Die Summe der „Gefährten“ sorgt für ihn im Hier und Jetzt für den möglichen Zusammenhalt der geschichtlichen Bewegung.

Dahinter aber steht das grundsätzliche Unterwegs-sein, in dem sich alles Feste des Bewusstseins (Verfassung, Gesetze, Programme) letztlich in der Praxis zu erweisen hat. Alles gilt nur, solange es nicht widerlegt wird. Dieses Beziehungssystem kennzeichnet jene Kairos-Generation, aus der mit ihm nun der letzte große Vertreter gestorben ist.

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