Der schon ältere Kurzfilm "Hoch 10" (Youtube) zeigt etwas Bemerkenswertes: die Perspektive, die wir gegenüber unserer Wirklichkeit gewöhnlich einnehmen, liegt genau zwischen der größt- und kleinstmöglichen. Im Film ist eine kleine Familie bei einem Picknick auf einer Wiese bei Chicago zu sehen – erst aus einem Meter Entfernung, dann aus 10, 100, 1000 ... bis hin zur Dimension 1024 Genauso werden die immer kleineren Dimensionen bis zur Ebene 10-16 abgebildet.

Wir wissen, dass auch die Zeit viele Dimensionen hat. Jeder Termin umfasst mindestens fünf von ihnen: Jahr, Monat, Tag, Stunde, Minute. Es hat lange gedauert, ehe all diese Dimensionen entdeckt und geistig erobert waren.

Wir wissen noch mehr. Genau genommen ist es ein spezifisch abendländisches Bewusstseinsnetz, in das wir nach diesen Mustern jedes Ereignis einordnen. Wir nehmen das nicht so wahr, weil uns  solche Raum- und Zeitbeschreibungen als „objektiv" vorkommen. Natürlich können wir sie nachweisen. Wir übersehen, dass es für unsere Kultur wichtig war, genau mit einer solchen Objektivität zu arbeiten. Jede Kultur aber hat ihre eigene Zeit- und Raumordnung entwickelt. Daher ist die wichtigere Frage: Nach welcher Logik funktioniert eine Kultur, die so und nicht anders wahrnimmt? Was hat dies mit dem Werden jedes Menschen zu tun? Warum haben wir aus den vielen Möglichkeiten, unseren Lebenslauf und den gemeinsamen Weg zu ordnen, gerade diese ausgewählt? Seit wann und wie lange haben diese Dimensionen Bedeutung? Wer oder was also setzt unseren „Objektivitäten" ihre Zeit, ihre Überzeugungskraft, ihren geschichtlichen Raum?

Wenn wir Silvester 2014 feiern, glauben wir zu wissen, wo wir im Ganzen stehen. Aber sowohl die Angabe „nach Christi Geburt" als auch die Zahl selbst (vgl. H. Illig, Wer hat an der Uhr gedreht?) ist unsicher. Wir pflegen eine Konvention, mehr nicht. Umso mehr stellt sich die Frage: Wo stehen wir wirklich in der Geschichte? Darauf antworten wir gewöhnlich Wir können unsere menschliche Geschichte nur so erkennen, wie sie eben jeweils erkannt wird. Wer heute Goethe analysiert, bringt nichts anderes als seine – natürlich objektivierte – Perspektive. Damit aber sind wir auf diesem Gebiet nicht weiter als das Mittelalter, das glaubte, unsere eigene Erden-Sicht auf den Kosmos sei die einzig mögliche.

Wer diese Selbstverständlichkeit bedenkt, sieht sogleich, mit welcher Skepsis die Kairologie konfrontiert ist. Denn sie sagt: Wir können objektiv wissen, was der 1. Januar 2015 für jeden im Ganzen bedeutet. „2015" ist eine Chiffre für einen ganz bestimmten „Ort", den jeder von uns in einem menschlichen Kosmos einnimmt. Der „Ort" bezeichnet eine Konstellation schöpferischer Beziehungen, die für jeden den optimalen „Möglichkeitsraum" bestimmen. Er sieht bei jedem naturgemäß etwas anders aus, aber er ist bestimmbar.

Vielleicht wird man eines Tages einen Film drehen, in dem ein Mensch, der in einem Cafe sitzt, in seinen verschiedenen Kreativzeitdimensionen dargestellt wird. Und die Betrachter werden darüber staunen, dass der menschliche Kosmos mit seinen über 100.000 Jahren, Tausenden von Generationen, Hunderten von Kulturen und Hochkulturen so präzise auf einen 35jährigen Mann zu beziehen ist, der hier und jetzt in einem Cafe sitzt.

© Dr. Karl Hofmann

 

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