Jeder, der die Geburts- und Sterbedaten (1225-1274) des großen Theologen der Hochscholastik kennt, wird vorhersagen können, dass 2025 das 800jährige Jubiläum von Thomas auf vielfältige Weise gefeiert werden wird.

Um das „Licht" dieses geistigen „Sterns" am Himmel der Geschichte gebührend ins Bewusstsein der Gegenwart zu heben, wird es neue Biografien, Editionen, Kongresse, Tausende von Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln geben. Man wird die Bedeutung dieses Lichts von allen Seiten beleuchten, seinen langen Weg durch die Zeiträume des Geistes verfolgen – und dabei nichts davon wissen, dass das wahre Licht bereits um das Jahr 2011 in dem Geist eines neugeborenen Kindes angekommen ist. Es wird vielleicht nie etwas von Thomas lesen oder gar über ihn schreiben, aber in demselben Muster leben und denken, natürlich auf einer anderen Stockwerksebene, geprägt von ganz anderen Begriffen und Sachverhalten. Der Geist dieses oder dieser einen (manchmal kommt es auch zu geistigen Zwillings- oder Mehrfachgestirnen) wird sich aus Millionen Kandidaten herauskristallisieren. Er wird in derselben Weise das Ganze seiner Gegenwart geistig fassen wie Thomas von Aquin, einer der größten Gelehrten des Mittelalters und seit 1567 zum Kirchenlehrer erhoben. Zwischen 2040 und 2060 werden Werke erscheinen, in denen es nicht mehr um die Entsprechung der Welten von Gnade und Natur, Theologie und Philosophie, sondern von rationalem Geist und geschichtlichem Leben, von Naturwissenschaft und holistischem Denken gehen wird – und zwar nach demselben Muster, das diesen Mönch beseelte.

Warum aber genau diese „Gleichheit" von 1225 und 2011? Weil der geistige Raum menschlicher Geschichte genauso „gekrümmt" ist wie der Weltraum und daher eine „allgemeine historische Relativitätstheorie" das wahre „Licht" der historischen Sterne besser erkennen lässt als jene Perspektive, die lediglich die chronologischen Koordinaten fixiert – wie einst die Astronomen, die glaubten, ein Stern stehe dort am Himmel, wo wir ihn zu sehen meinen.

Eine solche These wirft zahlreiche theoretische Fragen auf. Fast 250 Jahre hatte Newtons „absoluter Raum" gegolten, ehe Einstein diesen im wahrsten Sinne des Wortes relativierte. Genauso stellt die Theorie eines formatierten Geschichtsraums die geltende Vorstellung eines absolut offenen Raums in Frage. Jedes Jahr, jedes Jahrhundert schien bisher offen für alle möglichen Bewegungen und Entscheidungen der Menschen, lediglich beschränkt durch die Vielzahl äußerer und innerer Faktoren, bewusster und unbewusster Prozesse. Zwar konnte jeder privat an „Vorsehung" oder „Schicksal" glauben, aber das waren subjektive Entscheidungen, die eben den absoluten Raum der Freiheit voraussetzten. Ein formatierter Geschichtsraum ist naturgemäß etwas anderes als solche Glaubensräume.

Einstein hatte das Glück, dass drei Jahre nach der Veröffentlichung seiner „allgemeinen Relativitätstheorie" zwei Teams von Astronomen, die die Wiederkehr eines Sterns überprüften, konstatieren mussten, dieser Stern sei nicht dort, wo die Astronomen ihn erwartetet hatten, erschienen, sondern dort, wo Einstein ihn prognostiziert hatte. Was immer theoretisch einzuwenden war, wurde durch das praktische Funktionieren der Theorie besiegt.

Dies gilt in gleicher Weise für die Kairologie. Wenn sie in der Lage ist, die wahre Bedeutung dessen, was in der Vergangenheit geschehen ist, unabhängiger als bisher zu erkennen, dann wird dies auch für die Gegenwart und Zukunft gelten. Indem sie um das System und seine Bewegungen weiß, in denen wir agieren, gibt sie uns Hilfen in die Hand, die Bedeutung von Prozessen besser einzuschätzen, die eigenen Möglichkeiten nüchterner zu taxieren und uns erneut einer geschichtlichen Vernunft anzuvertrauen, die weiter reicht als die nächsten Wahlen.

So lässt sich nicht nur die wahre Bedeutung eines Thomas von Aquin innerhalb der scholastischen Dynamik, sondern auch der Punkt zu erkennen, an dem er wirklich, und nicht nur im öffentlichen Bewusstsein, wieder auflebt.
© Dr. Karl Hofmann

 

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