Angela Merkel 2010 CC BY-SA3.0

Sowohl in den Medien als auch im Bundestag erschienen zwei Tage danach die Rollen klar verteilt. Merkel hatte mit engelsgleicher Geduld, lächelnd und ohne festgelegte Vorstellungen die Sondierungsgespräche geführt. Lindner war der Spielverderber, der wohl immer schon diese teuflische Absicht hatte.

Vielleicht sollten wir für einen Moment diese Rollenzuweisungen hinter uns lassen und einen kairologischen Blick auf den Vorgang werfen.

Was verbindet Merkel und Lindner? Bei beiden geht es nicht so sehr um Einzelnes, sondern um ein großes Gemeinsames. Was unterscheidet sie? Merkel versteht unter diesem Gemeinsamen ein umfassendes Verantwortungsbewusstsein, Lindner einen umfassenden gemeinsamen Geist. Daher lautete einer der entscheidenden Sätze in in Lindners offenem Brief an seine „Freiheitlichen“: „Den Geist des Sondierungspapiers können wir nicht verantworten.“

Für Merkel diente die lange Zeit des Sondierens dazu, dieses gemeinsame Bewusstsein zu entwickeln. Der Sinn war dann erfüllt, wenn am Ende die maßgeblichen Personen bekennen konnten: Wir glauben an eine mögliche Einheit, weil wir ein Verständnis  für das Denken der anderen entwickelt haben. Im geplanten Abschlusspapier waren angeblich noch 238 Differenzen aufgelistet. Das Kunststück bestand für Merkel eben gerade darin, dass alle bekannten, wir sind ganz nahe an einer Einigung. Denn wenn das der Fall ist, werden die Beteiligten praktisch auch alles dafür tun, Programm und Realität der Menschen sowie ihre geschichtliche Bewegung zu verbinden.

Lindners Ausgangspunkt war die gemeinsame Bewegung. Diese Bewegung spielt sich auf einer tieferen Ebene ab. Stichworte dafür sind: Vertrauen, neues Denken, Trendwende. Alles, was inhaltlich besprochen wurde, wie Bildung, Digitalisierung, Selbstständigkeit der Menschen usf. waren für ihn Ausdrucksformen dieser Bewegung. Für ihn hat Politik den Menschen nicht zu steuern, sondern der Bewegung Form zu geben. Für ihn ist die gemeinsame Idee Maßstab der Gestaltung. Das Sondieren erwies für ihn, dass Merkel, Seehofer und auch die Führungsleute der Grünen zu diesem Gemeinsamen keinen Zugang hatten. Offenbar war er (und die von ihm neu aufgebaute Partei der Freiheitlichen) der einzige, der das „neue Denken“ repräsentieren konnte.

Warum dann überhaupt dieser lange Weg des Mitgehens? Weil sich der Geist nur im konkreten Miteinander zeigen konnte. Für Lindner und seine junge Mannschaft erwies es sich in der Praxis, dass da zu wenig gemeinsamer Geist war.

Wir sollten im Blick behalten: Mit Lindner (Jahrgang 1979) tritt erstmals ein ernst zu nehmender Politiker der neuen Generation auf die große politische Bühne. In seiner neuen Grundausrichtung steht er trotz aller inhaltlichen Differenzen näher bei Macron als bei einem der beteiligten deutschen Politiker. Macron überraschte alle auf französische Art, Lindner auf deutsche Art: Jetzt gehe ich, ich kann nicht anders. Wir werden von Lindner noch hören.

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