ehe_für_alle_0917.jpg

Bemerkenswert, was sich gegenwärtig am Eingang zum Haus der Ehe abspielt. Da treffen die, die aus der Ehe raus wollen, auf jene, die unbedingt hinein wollen. Und doch verstehen sie sich auf Anhieb. Denn jene, die hinaus wollen, fühlen sich genau von dem gleichen überfordert wie die, die hinein wollen, Nämlich eine bestimmte Art von Verantwortung.

Was beide Seiten nicht leisten können und daher auch nicht wollen, ist ein dauerhaftes Zusammenleben, nicht um ihrer selbst willen, sondern um der Zukunft willen.

Wie gefährlich es war, die Ehe der Liebe zu öffnen, das zeigt sich jetzt. Am Ende sieht die Gesellschaft nur noch den Pol der Liebe. Ist aber die Ehe Ausdruck von Liebe, dann darf sie niemandem verweigert werden. Denn wer könnte bestreiten, dass auch Lesben und Schwule einander lieben können. Gleichzeitig musste der Begriff des Rechts ausgehöhlt werden. Ehe war früher keine persönliche, sondern eine rechtliche Angelegenheit. Um der Fortpflanzung des Geschlechts willen hat man die Ehe unter staatlichen Schutz gestellt. Nur wer das leisten konnte und wollte, durfte überhaupt heiraten. Im Kirchenrecht war die Zeugung und Erziehung von Nachkommenschaft der erste Zweck der Ehe. Der zweite Zweck war die Sorge füreinander. Von Liebe, dieser subjektiven menschlichen Qualität, war keine Rede.

Auch die Kirche hatte ihren Teil beigetragen zur Auflösung, indem sie die Zwecke in Ziele aufgelöst und beide für gleichrangig erklärt hat. Das schien alles sehr vernünftig und menschengemäß zu sein.

Wir stehen geschichtlich nahe am Ende der Entwicklung. Die Gleichrangigkeit war nur ein Übergang. Heute haben wir die entgegengesetzte Einseitigkeit. Vor dem Hintergrund der Gender-Ideologie wird nun auch die Fortpflanzung der Liebe untergeordnet. Auch wenn sich zwei Gleichgeschlechtliche lieben, haben sie das Recht, sich Kinder zu besorgen (Adoption) und aufzuziehen.

Das alte Bild von der „Natur“ des Menschen mag in manchen Büchern und Gruppen noch bewahrt werden. Gesamtgesellschaftlich löst es sich auf. Es gehört zur höchsten Verwirklichung des Ideals der Autonomie, auch darüber frei bestimmen zu können. Die Rechte auf Pille, Abtreibung, Freitod waren Stationen auf einem Weg, der logisch zur „Ehe für alle“ geführt hat.

Unbewusst steuert man damit zugleich auf eine noch umfassendere Erkenntnis zu: es gibt für den Menschen keine „Dinge“ und „Sachverhalte“, die seinem Bewusstsein unbedingt vorgegeben sind.

Immer muss ein Faktor dazu kommen: das in Beziehung gehen. Was für Menschen Realität ist, hängt von den geschichtlichen Kräften ab, die in ihnen gerade gegeben sind. Davon wiederum hängt ab, was Worte, Begriffe, Handlungen bedeuten. Die Bedeutungen unterliegen einer meist unbewussten geschichtlichen Dynamik. Diese Dynamik verdichtet sich im historischen Kairos

Was gerade dem historischen Kairos entspricht, sucht sich zu verobjektivieren, identisch zu werden mit etwas, was im Bewusstsein der Subjektivität entzogen ist und damit seinen Anspruch auf alle legen kann. Das ist genau die Funktion von Recht und Gesetz.

Und genau dieses Ziel verfolgten vor kurzem einige Parteien, als sie die Ehe für alle zur Bedingung für eine Koalition nach der Bundestagswahl erhoben. Diese Bedingung sollte der CDU/CSU die Möglichkeit zur Koalition abschneiden, wohl wissend, dass diese These inzwischen im Bundestag eine sichere Mehrheit besaß.

Der Schachzug misslang. Merkel zog sich geschickt aus der Affäre. Sie hat die Ehe für alle zur Gewissensentscheidung freigegeben. Sie persönlich war dagegen. Aber sie wollte mit dieser Sicht nicht ihr politisches Schicksal verbinden. Objektiven Anspruch hat für sie nur das Ganze. Das Ganze aber besteht aus dem, was an festen Bildern und Begriffen im Bewusstsein da ist, und dem, was viele als „Volk“ empfinden.

Merkel bekannte sich also nicht zu etwas, sondern zum Ganzen. Sie handelte im Grunde nicht anders als bei Fukushima oder dem Migrantenproblem. Sie surft auf den geschichtlichen Wellen. Ihr Talent ist es,  auf ihrem Surfbrett lange regungslos zu warten, um sich dann im richtigen Augenblick  zu erheben und sich von der Kraft einer Welle an ein (gesetzliches) Ufer tragen zu lassen.

Submit to FacebookSubmit to Google PlusSubmit to TwitterSubmit to LinkedIn

Newsletter

Verpassen Sie nicht interessante Neuigkeiten. Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Kontakt

Vernetzung

Folgen Sie uns in den sozialen Netzwerken Facebook und Xing